Es ist Sonntagabend und ich habe mich gerade für eine Hostingoption für diesen Blog entschieden. Gebucht wird aber erst später, aber es schadet ja nicht, schon mal anzufangen zu schreiben. Eher im Gegenteil, die Gedanken sprudeln gerade wieder, so dass ich die Gelegenheit nutzen sollte.
Sollte. Eines meiner Lieblingswörter, jedenfalls wenn man danach geht, wie oft ich es nutze. Ich sollte mich eigentlich jetzt gerade endlich mal wieder ans Klavier setzen und üben, denn ab morgen geht die Arbeit wieder los, da findet sich noch weniger die Zeit dafür. Ich sollte das Geschirr spülen, das nicht in die Spülmaschine darf, damit ich es morgen wieder benutzen kann und nicht zum Improvisieren gezwungen bin. Ich sollte mich auch mal langsam bei meinem Date von gestern für den schönen Abend bedanken, das gehört sich nämlich so. Und eigentlich sollte ich vor alledem unbedingt noch meine Bewegungsübungen machen, denn wieder körperlich fit und schmerzfrei zu werden steht dieses Jahr an erster Stelle.
Vor ein paar Wochen hab ich in der Bibliothek auf der Suche nach einem Buch von meiner Merkliste die Regale durchsucht, als mir plötzlich ein Titel („Nie gut genug“) auffiel und mich nicht wieder losließ, auch nicht als meine innere Stimme mich daran erinnerte, dass ich mich nicht ablenken lassen sollte, dass ich nicht so viele Bücher mitnehmen sollte, die ich dann lese, obwohl ich gar nicht die Zeit dafür habe. Es half nichts, das Buch kam mit nach Hause. Im Nachhinein sehe ich das als göttliche Fügung, denn das Buch hat mich genau da abgeholt, wo ich stand, und ich wusste ehrlich gesagt noch nicht mal, dass ich da stand.
Ich überlege schon seit einer Weile irgendwas zu machen, vielleicht ein Buch zu schreiben, oder einen Podcast zu machen. Irgendwann dieses Jahr hat sich herauskristallisiert, dass ich mit einem Blog anfangen möchte. Aber zu welchem Thema? Wozu kann ich überhaupt was erzählen? Und wer will das eigentlich lesen? Monatelang hab ich mich damit herumgeschlagen, ein Thema zu finden und einen dazu passenden Namen. Und erst als dieses Buch gelesen habe, wurde mir klar, dass da wieder Perfektionismus am Werk war und welche Ängste dahinterstanden. Und dann hat sich der Titel fast von selbst geschrieben. Aber natürlich nicht ohne nochmal eine Ehrenrunde über den Perfektionismus zu drehen. Zuerst hatte ich nämlich neben etwa 42 anderen Ideen diese: Perfektionismusfreie Zone. Klingt doch ansprechend, oder? Für mich jedenfalls. So eine kleine Zone in meinem Leben, wo der Perfektionismus nichts zu suchen hat, wo er ausgesperrt wird, wo ich sicher bin davor. Außerdem sehr passend zur Sprache in Selbsthilferatgebern, wie man sich vom Perfektionismus „befreit“, wie man ihn los wird, hinter sich lässt, fortan ganz ohne Perfektionismus endlich ein zufriedenes Leben führt. Je länger ich jedoch diesen Titelkandidaten anstarrte, umso stärker wurde das Gefühl, dass es irgendwo hakte. Irgendetwas in mir konnte sich nicht damit anfreunden. Und dann fiel der Groschen: Es war zu perfekt. Der Titel, das Ziel, war wieder etwas nur in der Fantasie von Perfektionisten Erreichbares. Ich kann nicht 100% perfektionismusfrei werden. Auch nicht in ausgewählten Teilbereichen meines Lebens. Das Wort an sich ist doch unsinnig! Perfektionismus ist geprägt vom Streben nach einem Idealzustand und absolut frei von etwas zu sein ist genauso ein Idealzustand. Wenn ich auf Teufel komm raus vom Perfektionismus weg will, hab ich doch den Perfektionismus gleich wieder eingebaut! Also, innehalten, durchatmen. An dieser Stelle machte mein Kopf einen Satz nach links und mir fiel ein Bekannter ein (Gruß an Christopher), der sich nicht zuckerfrei, sondern zuckerreduziert ernährt. Und letzteres wohl weil „reduziert“ eine ziemlich breites Spektrum abdeckt, alles zwischen am 29. Februar tu ich mir kein Zucker in den morgendlichen Kaffee bis hin zu ich koche mir alle meine Mahlzeiten selbst, denn nur so kann ich sicher sein, dass noch nicht mal versteckter Zucker drin ist. Ahhhhh. Klingt doch gleich viel entspannter! Also, perfektionismusreduziert. Das ist ein Ziel, das ich immer erreichen kann. Schon allein deshalb, weil ich ja selbst definieren kann, wo und wie viel ich reduzieren will. Jetzt hab ich einen Titel, der sowohl Beschreibung als auch Programm ist, der mir eine generelle Richtung vorgibt, worüber ich schreibe, und gleichzeitig auch eine Erinnerung, wie ich mein Leben und diesen kreativen Prozess gestalten möchte. Und daher gibt es jetzt auch keinen perfekten Abschluss zu diesem Beitrag, sondern einfach nur: Ende.